Qualitätsjournalismus der Huffington Post

In diesem Video der Huffington Post vom 17. April 2015 stellt Franca Meyerhöfer einige interessante Aspekte der deutschen Grammatik vor. Und weil die Huffington Post bekanntlich mit der renommierten Zeitschrift Focus zusammenarbeitet, darf man wohl glauben, was dort als Wahrheit vermittelt wird.
Zweifel sind allerdings angebracht!

Fehlertext der Huffington Post

Der fehlerhafte Text …

Schauen Sie sich den nebenstehenden Text einmal genau an – wie viele Fehler finden Sie? Auch nicht mehr als fünf? Damit stehen Sie nicht allein. Denn nicht alle Fehler, die uns Frau Meyerhöfer präsentiert, sind welche. Dafür hat sie allerdings einen übersehen.

Richtig informiert:

Richtig ist, dass sie den fehlerhaften Genitiv beim Demonstrativpronomen dieses in dem Ausdruck „diesen Jahres“ ankreidet. Wie Jahr muss auch das Pronomen im Genitiv stehen, und der lautet „dieses“. Würde man den Artikel (das Jahr) statt des Pronomens (dieses Jahr) verwenden, würde der falsche Genitiv sofort auffallen. Niemand spricht von „Anfang den Jahres“, sondern natürlich von „Anfang des Jahres“.

Die Aussage zum vermeintlichen zweiten Fehler beim Ausdruck „neueste“ ist hingegen – mit Verlaub – völlig sinnlos. Laut Franca Meyerhöfer ist „der Ausdruck neueste […] eigentlich völlig sinnfrei, denn […] eigentlich kann etwas nicht neuer sein als neu.“
Selbstverständlich kann es das! Von dem Adjektiv neu gibt es, wie von nahezu allen Adjektiven, die Steigerungsformen Positiv, Komparativ und Superlativ, die wir immer dann verwenden, wenn wir etwas mit etwas anderem vergleichen.
Dazu ein Beispiel: Schauen Sie mal auf den Parkplatz vor Ihrem Haus. Dort stehen sicherlich einige Autos, manche davon sind alt (Positiv) und manche sind neu (Positiv). Einige der Autos sind also neuer (Komparativ) als andere, vielleicht auch neuer als Ihres, es sei denn, Sie hätten das neueste (Superlativ) von allen. Das allerneueste (lt. Duden sogar verstärkend möglich für den Superlativ neueste) wartet beim Händler auf einen Käufer.

Es gibt allerdings einige logische Ausnahmen bei der Verwendung des Komparativs und des Superlativs:

  • einzig; Bedeutung: ausschließlich, allein, nur einmal vorhanden; deshalb ist auch „einzigste“ nicht möglich
  • kein; Bedeutung: nicht eines; und weil weniger als kein nicht geht, ist auch „in keinster Weise“ nicht korrekt
  • optimal; Bedeutung: bestmöglich (nicht etwa: bestmöglichst); und weil der Superlativ von gut (= best-) bereits enthalten ist, ist weder „optimaler“ noch „optimalste“ möglich

… mit allen „Fehlern“ – wirklich allen?

… hier mit allen „Fehlern“

Der dritte (und vierte) Fehler betrifft den „meist gesehensten ‚Tatort‘“, der richtigerweise der „meistgesehene ‚Tatort‘“ ist, denn das Adjektiv meistgesehen wird zusammengeschrieben! Es besteht aus dem Superlativ von viel (= meist-) und dem Partizip II des Verbs sehen (= gesehen). Und hier liegt Frau Meyerhöfer dann wieder richtig: „Verben kann man nicht steigern.“ Ein Superlativ ist doch auch völlig ausreichend.

Ebenfalls richtig und hinreichend erklärt ist der Hinweis auf das überflüssige „nach“ im Zusammenhang mit „meines Erachtens“, worauf deshalb hier nicht weiter eingegangen wird.

Die Ausführungen von Frau Meyerhöfer zum letzten vermeintlichen Fehler, der „Vorspiegelung falscher Tatsachen“, sind aber wiederum nicht haltbar. Vorspiegelung bedeutet nicht Täuschung, sondern Vortäuschung. Zu fragen ist also nicht, wer getäuscht wird, sondern was vorgetäuscht wird, und das sind die falschen Tatsachen. Tatsachen sind gegebene Umstände oder Fakten. Wird aber etwas als Fakt vorgetäuscht, was keiner ist, darf man diesen Betrug sehr wohl als „Vorspiegelung falscher Tatsachen“ bezeichnen. Genau das macht auch das Strafgesetzbuch in § 263 StGB. Die „Vorspiegelung falscher Tatsachen“ ist also kein „inhaltliches Problem“, wie Franca Meyerhöfer behauptet.

Ein inhaltliches Problem ist vielmehr die inhaltliche Aussage des gesamten Textes der Huffington Post: Wenn Meret Becker bislang nur einen einzigen „Tatort“ als Kommissarin gedreht hat, dann ist es logischerweise gar nicht anders möglich, als dass dieser „Tatort“ der meistgesehene „Tatort“ mit Meret Becker ist. An der Aussage ist nichts Verwerfliches oder Betrügerisches, und es handelt sich schon gar nicht um Vorspiegelung falscher Tatsachen! Es ist im Gegenteil eine (wahre!) Tatsache, denn einen anderen „Tatort“ mit Meret Becker, der häufiger gesehen worden sein könnte, gibt es ja nicht!